Autoreninterview Eva Völler

Autorin Eva Völler

Liebe Eva,
ich freue mich, dass Du Dir die Zeit nimmst und Dich meinen Fragen stellst. Aber bevor ich loslege erzähle ich ja immer, wie ich meine Interviewpartnerin kennen gelernt habe.
Zuerst war da das Buch „Tulpengold“. Ich habe Anfang 2018 das eBook gelesen und rezensiert. Es hat mir damals sehr gut gefallen. Einige Zeit später erhielt ich es als Jurymitglied für den HOMER-Literaturpreis, ich sollte es lesen und bewerten. Natürlich habe ich es gerne ein weiteres Mal gelesen, denn ein gutes Buch kann durchaus mehrmals gelesen werden. Wir Jurymitglieder erfahren erst später, welches Buch es auf die Shortliste schafft. Ich wurde vor der Preisverleihung gefragt, ob ich nach Ingolstadt kommen und an der Gala teilnehmen wollte und außerdem Interesses hätte, eine Laudatio zu halten. Du kannst Dir vorstellen, wie groß meine Freude war, als ich erfuhr, dass Dein Buch den ersten Preis bekommt. In Ingolstadt konnte ich Dir den Preis übergeben und anschließend hatten wir die Möglichkeit uns etwas zu unterhalten. Du merkst, es war auch für mich ein besonderes Erlebnis, aber bevor ich noch mehr darüber schwärme, komme ich zu dem Wesentlichen, denn ich möchte Dir ja einige Fragen stellen.

Natürlich habe ich mich damals und jetzt auch wieder auf Deiner Homepage umgesehen. Du warst als Richterin und Rechtsanwältin tätig. Wie kam es denn zu der Entscheidung Bücher zu schreiben?

Das war im Grunde Zufall: Nachdem ich wegen meiner wachsenden Kinderschar aus dem Richterdienst ausgeschieden war, aber trotzdem der Juristerei nicht ganz entsagen wollte, habe ich Anfang der 1990er Jahre meine eigene kleine Anwaltskanzlei eröffnet. Anfangs hatte ich nur wenige Mandanten. Und deshalb auch etwas Zeit, mich in die Bedienung meines ersten PC reinzufuchsen, einschließlich des damals für mich ziemlich ungewohnten Schreibprogramms. Im Zehnfinger-Tippen war ich zwar versiert (als Studentin habe ich mir als Phonotypistin meinen Lebensunterhalt verdient), aber der Umgang mit der Maus und mit dem ungewohnten Programm kam mir anfangs wie ein Buch mit sieben Siegeln vor. Also übte und tippte ich einfach drauflos, und weil irgendwelches Abschreiben zu langweilig war, wurde aus der Übung nach und nach eine witzige kleine Geschichte. Die machte mir plötzlich solchen Spaß, dass der eigentliche Zweck des Ganzen darüber ins Hintertreffen geriet. Die Geschichte wurde immer länger, ich konnte gar nicht mehr aufhören, und am Ende hatte ich zu meiner Verblüffung einen fertigen Roman in Händen. Er spielte in Frankfurt, also habe ich das Manuskript – eigentlich eher als Versuchsballon – an einen Frankfurter Verlag geschickt: den Fischer Verlag. Zu meinem Erstaunen wollten die da den Roman sofort haben. So ging es mit dem Schreiben los; seither habe ich ununterbrochen damit weitergemacht. Allerdings war das Büchermachen für mich zuerst nur ein nettes Hobby bzw. Zusatz-Job; ich wäre nie auf die Idee gekommen, deswegen die Anwaltsrobe an den Nagel zu hängen. Schreiben als Hauptberuf erschien mir einfach zu wechselhaft und unsicher – jeder kennt ja das Bild vom armen Poeten. Den endgültigen Umstieg habe ich dann dementsprechend auch erst ein gutes Dutzend Jahre später vollzogen, als ich allmählich überzeugt war, damit bis zur Rente ein zuverlässiges und regelmäßiges Einkommen erzielen zu können.

Ich habe auch gelesen, dass Du Dir als Kind Geschichten ausgedacht hast, gibt es davon Aufzeichnungen? Welche Geschichten hast Du Dir ausgedacht?

Aufzeichnungen gibt es keine mehr, aber meine Mutter erzählt mir noch heute gern, dass ich ständig mit irgendwelchen Heften dasaß und Fantasie-Stories hineinschrieb.

Du hast Bücher in den unterschiedlichsten Genres geschrieben, was ich sehr interessant finde. Unter anderem sind es Zeitreise-Jugendbücher, wie bist Du auf diese Idee gekommen?

Zeitreise-Romane habe ich schon immer geliebt! Mein Vater besaß eine umfangreiche Science-Fiction-Sammlung, und ich habe schon mit elf, zwölf Jahren alle Bücher aus diesem Genre nur so verschlungen. Zeitreise-Stories haben mich dabei besonders fasziniert. Aber auch Klassiker der Weltliteratur standen bei meinen Eltern im Regal, darunter ein Buch von Mark Twain, das es mir angetan hatte: Ein Yankee aus Connecticut an König Artus‘ Hof. Davon war ich regelrecht entzückt! Fan der ersten Stunde bin ich auch von Diana Gabaldons Outlander-Romanen. Und die mitreißende Edelstein-Trilogie meiner lieben Freundin Kerstin Gier ist ebenfalls ein absolutes Zeitreise-Muss, die kann ich auch heute noch immer wieder mit Genuss lesen!

Außerdem hast Du auch Frauenkomödien geschrieben, wenn ich das richtig sehe, waren es Bücher, die Du anfangs als Schriftstellerin geschrieben hast, können Leserinnen, die diese Bücher bevorzugen mit weiteren rechnen?

Man soll ja niemals nie sagen, von daher: Momentan ist zwar nichts dergleichen geplant, aber ganz ausgeschlossen ist es nicht.

Nachdem ich Tulpengold gelesen habe, folge ich Dir als Autorin mit Begeisterung. Deine Ruhrpott-Saga und die „Dorfschullehrerin“ haben mir gut gefallen. Nun sind es Bücher, für die Du ausführlich recherchieren musst. Wie sieht Deine Recherchearbeit aus?

Das nimmt schon recht viel Zeit in Anspruch. Ich lese viele Sach- und Fachbücher, Zeitschriften und Magazine, Beiträge und Artikel im Internet, Auszüge aus alten Archiven, und wenn möglich sehe ich mir auch die jeweiligen Schauplätze an, spreche mit Zeitzeugen und Experten – eben alles, was dazugehört.

Wie findest Du die Ideen zu Deinen neuen Büchern?

Das ist mir bis heute ein Rätsel. 😊 Meist kommt das ganz spontan, es hat viel mit Assoziation zu tun. Ich höre irgendwas im Gespräch, sehe einen beeindruckenden Film oder eine Dokumentation, lese einen interessanten Zeitungsartikel, erinnere mich an Dinge, die irgendwer mal erzählt hat – und schon ist eine Idee geboren. Ob sie was taugt, erkenne ich dann regelmäßig daran, dass sich mir die Romanfiguren persönlich vorstellen. Sie erscheinen dann gleichsam wie aus dem Nichts vor meinem geistigen Auge und werden zu Charakteren, die mir in der Folge immer vertrauter werden. Fast wie richtige Menschen, die mir sagen: Erzähl meine Geschichte.

Wie lange schreibst Du an einem Buch?

Zwischen sechs und zwölf Monaten, je nach Umfang und Thema.

Wer darf es als erstes lesen?

Meist meine Agentin und meine langjährige Lektorin. Manchmal auch mit mir befreundete Testleser.

Gibt es weitere Buchpläne, über die Du schon sprechen darfst?

Aktuell habe ich schon neue Pläne, aber die sind noch nicht spruchreif.

Ich hatte ja schon erwähnt, dass Du Dir als Kind gerne Geschichten ausgedacht hast, wie war es denn mit dem Lesen? Hast Du gerne gelesen und wenn ja, an welches Buch erinnerst Du Dich?

In meiner Jugend (und später natürlich auch) habe ich quasi alles gelesen, was nicht niet- und nagelfest war. Ich konnte nie genug davon kriegen. Als Schulkind hatte ich eine Karte für die städtische Bücherei, da fuhr ich zweimal die Woche mit dem Bus hin und holte mir alles, was sie für meine Altersklasse herausrückten, und ich erinnere mich noch gut an die ungläubigen Blicke der Bibliothekarin, wenn ich ein paar Tage später mit meinem ausgelesenen Stapel anrückte und Nachschub wollte. „Dat kannse unmöglich schon widder alles aushaben!“ – das war damals ihr Standardspruch.
Besonders fasziniert hat mich als Kind ein Roman, an den ich mich noch genau erinnere, weil er aus der eher herkömmlichen Pucki- und Enid-Blyton-Kategorie so sehr herausstach: Der König von Narnia von Clive Staples Lewis. Ich weiß noch, mit welcher fast ungläubigen Hingerissenheit ich diesen Roman verschlungen habe, und weil es mich so umgehauen hat, habe ich ihn mir (was sonst nie vorkam) sofort noch mal ausgeliehen, um ihn ein weiteres Mal lesen zu können. Und keiner kann sich meine Freude vorstellen, als ich herausfand, dass es davon eine ganze Reihe gab.
😊

Hast Du heute noch Zeit, Bücher Deiner Kolleginnen zu lesen?

Natürlich, diese Zeit nehme ich mir immer!

Künstler auf der Bühne bekommen Applaus, Autoren bekommen Bewertungen für die Bücher oder wenn es super läuft, gibt es einen Preis. Ich habe gesehen, dass Dein Jugendbuch auf die Shortlist des DELIA-Jugendroman-Preises geschafft hat. Wie ist das Gefühl, wenn solch eine Nachricht eintrifft.

Freude pur. Das ist eine ganz besondere Anerkennung, denn Leser zu berühren und zu bewegen ist ja das oberste Ziel beim Schreiben.

Achja, das Thema Buchpreis lässt mich nicht los, ich fand die HOMER-Gala so toll und möchte einfach fragen, wie das Gefühl war, als Dein Buch den Goldenen HOMER bekommen hat.

Das konnte ich zuerst gar nicht fassen. Ich saß da und dachte bloß: Was – ich?? Mir blieb buchstäblich die Spucke weg, und meine Dankesbezeugungen kamen glaube ich als ziemliches Krächzen heraus. Für mich war das schier überwältigend.

Du hast Bücher über Zeitreisen geschrieben, wenn Du eine machen könntest, welchen Autor der Vergangenheit würdest Du gerne besuchen und weshalb?

Es ist ein seltsamer Zufall, dass ich ausgerechnet heute diese Frage beantworten kann. Erst gestern dachte ich nach der packenden Lektüre der unglaublich berührenden, literarisch exquisiten und kongenial ins Deutsche übersetzten Nachkriegsreportage Deutscher Herbst: Könnte man nur die Uhr zurückdrehen und ihn davon abhalten! Die Rede ist von dem schwedischen Autor und Journalisten Stig Dagerman, der sich mit nur 31 Jahren das Leben nahm.
Natürlich gibt es noch ein paar andere Autoren, speziell solche, die erst posthum zu Ehren kamen. Als Beispiel nenne ich nur Wolfgang Borchert, dessen Ruhmeszug genau einen Tag nach seinem Tod begann. Zu so jemandem möchte man zurückgehen und ihn wissen lassen können, dass sein Werk eines der bedeutendsten des Jahrhunderts sein wird.
Ob es mich reizen würde, bekannten Dichtergrößen aus früheren Zeiten mal beim Schreiben über die Schulter zu sehen, beispielsweise Shakespeare oder Goethe – da bin ich zwiegespalten. Man hat ja so seine Illusionen von der vollkommenen, alles überragenden Kreativität mancher Künstler, und vielleicht wäre beim Anblick des doch oft eher einsamen und ermüdenden Schreibprozesses der strahlende Nimbus schnell dahin und die Idealvorstellung angekratzt. Aber einen Kaffee hätte ich schon gern mit solchen Granden getrunken. Wahlweise auch Rotwein, je nach Epoche.

Nun habe ich wieder soviel gefragt und bestimmt auch etwas vergessen, Dir gebe ich hier nun die Gelegenheit zu schreiben, was Du uns Leserinnen und Lesern schon immer mal sagen wolltest.

Ja, da habe ich was: DANKE! In fetten Großbuchstaben und mit Ausrufezeichen. Ohne euch wäre das alles nichts. In jedem Buch steckt ein Stück Seele von dem, der es schreibt. Und idealerweise berührt es die Seele dessen, der es liest. So, als würde man die Hand nach jemandem ausstrecken, und dein Gegenüber ergreift sie. Diese Verbindung ist beim Schreiben für mich das Kostbarste, und wenn ich das erreichen kann, bin ich glücklich.


Zum Abschluss nenne ich immer drei Namen oder Begriffe und frage danach, was Dir dazu einfällt:

Schwarze Tulpen – Ein ganzer Sack voll. Hat mir mein Verlag als Blumenzwiebeln zum Erscheinen von Tulpengold geschenkt, und sie blühen seither jedes Frühjahr in herrlicher Pracht.

Bütterken – Wird nicht nur im Kohlenpott gern gefuttert, am liebsten mit dick Butter und Wurst drauf. 😊 Steht außerdem aufgedruckt auf der Brotbox, die ich ebenfalls vom Verlag bekam, diesmal zum Erscheinen von Band 1 der Ruhrpott-Saga, Ein Traum vom Glück.

Wilhelm Busch – Viel mehr als nur Max und Moritz. Sein herzerfrischendes Gedicht Der Einsame hat mich damals in den allerersten düsteren Corona-Wochen, als man kaum noch vor die Tür und sich mit niemandem mehr treffen durfte, einmal sehr aufgeheitert. Hier ein Zitat vom Anfang: Wer einsam ist, der hat es gut Weil keiner da, der ihm was tut. Ihn stört in seinem Lustrevier Kein Tier, kein Mensch und kein Klavier. Und niemand gibt ihm weise Lehren Die gut gemeint und bös zu hören. Der Welt entronnen geht er still In Filzpantoffeln, wann er will. Sogar im Schlafrock wandelt er Bequem den ganzen Tag umher.

Liebe Eva, vielen Dank für Deine Antworten, ich habe mich sehr gefreut, dass Du meine Fragen beantworten wolltest.

Sehr gerne!

Ich zeige an dieser Stelle gerne eine Auswahl der bereits erschienen Bücher. Da ich das Buch Tulpengold so oft erwähnt habe, ist es hier noch einmal zu sehen.

Tulpengold

erschienen: 23. Februar 2018

Seiten: 480

Herausgeber: Bastei Lübbe

ausgezeichnet mit dem Literaturpreis Goldener HOMER

Außerdem jeweils ein Buch aus verschiedenen Serien:

Zeitenzauber – Die magische Gondel – Buch eins einer dreiteiligen Reihe

Ein Traum von Glück – Band 1 der Ruhrpott-Saga

Was die Hoffnung verspricht – Buch eins über die Dorfschullehrerin

Wer noch mehr über die Autorin erfahren möchte, kann dies auf diesen Seiten:

Autorenseite Eva Völler

Autorenseite bei Bastei Lübbe

Amazonautorenseite Eva Völler

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